Liebe Nana,
Triptane eignen sich nicht zur täglichen Einnahme. Ich stelle Dir hier ein, was Prof. Göbel einmal einer Patientin geschrieben hatte, die Triptane täglich eingenommen hatte und schon erhebliche Probleme hatte.
Prof. Göbel am 22.08.2010 Einige Überlegungen zur dauerhaften täglichen Triptan-Einnahme zur sogenannten“ Migränevorbeugung“ will ich hier skizzieren:
Triptane sind ausschließlich zur Akutbehandlung zugelassen. Wörtlich steht in der Fachinformation, z.B. für Imigran (Sumatriptan): „Imigran T ist indiziert zur Akutbehandlung von Migräneanfällen. Das Arzneimittel soll nicht prophylaktisch angewendet werden.“
Der Hersteller warnt explizit vor der vorbeugenden Einnahme und stellt diese keinesfalls ins Belieben oder frei.
Diese Ausführung der Herstellerfirma, der Zulassungsbehörden und die Meinung der Fachwissenschaftler haben gute Gründe, u.a.:
Die Sicherheit der Triptane bei hochfrequenter oder gar täglicher Anwendung ist durch Studien keinesfalls belegt. Informiert man als verordnender Arzt jedoch so, wird man schnell bei Kompilationen Probleme bekommen. Es handelt sich um eine rein experimentelle Einzelfalltherapie. Die Herstellerfirmen hätte wahrscheinlich hohes Interesse an einer solchen Anwendung, führen aber solche Studien aus guten Gründen nicht durch. Was z.B. passieren kann, zeigte sich eben bei der Entwicklung der erwarteten Nachfolger der Triptane, der CGRP-Antagonisten („Gepante“). Man führte eine Studie gerade auch zur täglichen Dauereinnahme durch und eine Substanz, die in der Akutwirkung sehr sicher und verträglich erschien, reicherte sich völlig unerwartet durch die Dauereinnahme in der Leber an und führte in Einzelfällen zu schwerwiegenden Leberfunktionsstörungen. Niemand hatte das zuvor bei einer Substanz erwartet, die als ganz besonders sicher galt. Die gesamt neue Substanzklasse und deren Sicherheit stehen nun in Frage.
Kardiovaskuläre Nebenwirkungen u.a. sind auch bei Triptanen beschrieben und im Einzelfall bekannt. Sie sind selten, aber möglich. Keiner weiß, was passiert, wenn man Triptane nicht bestimmungsgemäß in hohen Dosen konsekutiv täglich einnimmt. Die Hersteller übernehmen dafür jedenfalls nicht ohne Grund keine Verantwortung. Einzelfallbeobachtungen können keine Sicherheit belegen, es gibt diese Sicherheit nicht.
Als verordnender Arzt steht man so unmittelbar persönlich in der Verantwortung. Man muss sich bei Einsatz zur Vorbeugung auf Schreiben eines Rechtsanwaltes und eine Schadensersatzklage einstellen, weil man durch die Empfehlung und Verordnung diese oder jene Komplikation, die auch erst nach Jahren eintreten mag, bedingt habe. Dies ist nur eine Frage der Zeit und leider kein hypothetischer Punkt, sondern Alltag. Stellen Sie sich einen Patienten vor, der seit drei Jahren täglich zur „Vorbeugung“ ein Triptan verordnet bekommen hat. Nun stellt sich plötzlich einen Herzinfarkt ein. Der Patient ist sicher, dass sein Arzt das ihn nicht vorausgesagt hat. Ob der Infarkt nun so oder so aufgetreten wäre oder tatsächlich durch die zulassungswidrige Anwendung bedingt ist, ist irrelevant. Der Hersteller wird voraussichtlich klar sagen: Weil solche Ereignisse möglich sind, haben wir sogar explizit davor abgeraten (Deswegen steht der Warnhinweis ja auch in der Fachinformation). Der Schaden ist da. Der Patient und insbesondere seine Anwälte wissen nichts mehr von einer sicheren Verbesserung der Lebensqualität etc..
Das gilt u.a. auch für die Anwendung während der Aura. Gibt man Triptane vorbeugend, hat man kontinuierlich Dosierungen innerhalb der Auraphase und muss mögliche Komplikationen zulassungswidrig verantworten.
Im Laufe des Lebens werden Kontraindikationen früher oder später auftreten. Die weitere Einnahme von Triptanen ist dann grundsätzlich in Frage gestellt und man steht dann ganz ohne Therapie da und hat viel Zeit verloren, eine wirksame Vorbeugung aufzubauen.
Studien weisen zudem darauf hin, dass die schwerwiegenden Auswirkungen der Kopfschmerzen auf das tägliche Leben durch die dauernde Einnahme von Triptane nicht nachlassen. Die Lebensqualität bleibt kontinuierlich schwer beeinträchtigt und die Migräne und deren Komplikationen werden nicht im Ansatz gelöst, auch wenn der nächste Tag vielleicht ohne Schmerz verbracht werden kann.
Die hochfrequente Triptaneinnahme führt nach unserer Erfahrung mittelfristig zu schwerwiegenden Erschöpfungszuständen, depressiver Reaktion, Überempfindlichkeit und Schmerzempfindlichkeit der Kopfmuskulatur, Rückzug aus dem Alltag. Kurzfristig mag eine Besserung bestehen. Mittel- und langfristig zeigt unsere Erfahrung, ist eine Sackgasse gebahnt.
Erwartet man von einer Migränetherapie, dass sie zielführend ist und hilft, schließt aber gleichzeitig eine Anpassung seines Lebens und Verhaltens aus, dann ist hier wahrscheinlich schon 50% der Resistenz gegen eine Besserung anzunehmen. Will man sich mit Triptanen funktionsfähig halten, werden die Migräne und die damit verbundenen Störungen nach unserer Erfahrung entgleisen. Migräne wird heute als progressive Erkrankung des zentralen Nervensystems aufgefasst. Triptane sind nur zur Behandlung der Schmerzphase vorgesehen und zugelassen. Sie können die Progression nicht aufhalten, nach allen was wir heute wissen. Triptane sind zur Schmerztherapie der akuten Migräneschmerzphase zugelassen und entwickelt worden. Sie sind nicht zur Aufrechterhaltung der Arbeits- oder Funktionsfähigkeit gedacht oder dafür zugelassen. Dazu muss man sein Verhalten und die Vorbeugung anpassen.
Und der wichtigste Punkt: Die Medikamentenpause hilft in den allermeisten Fällen sehr gut. Es ist sicher eine stetige Anstrengung, die 10-20-Regel einzuhalten, Verhalten und Vorbeugung zu organisieren und prozesshaft individuell einen zielführenden Weg anzustreben. Aber eine Stabilisierung ist nur so möglich. Die tägliche Triptan-Einnahme ist dagegen zugegeben sehr leicht. Sie bedeutet aber, das Leiden zu unterhalten, auf die Dauer zu verstärken und aufgegeben zu haben. Ohne Perspektive.
Prof. Göbel am 22.08.2010
Daher setze bitte bei der Prophylaxe an. Das ist ja das Ziel der Prophylaxe, die tägliche Schmerzmitteleinnahme verhindern zu können. Wenn Du so viele Attacken hast, bist Du keinesfalls optimal eingestellt.
Liebe Grüße
Bettina