Die Ansichten über das, was Stress ist, divergieren weit. Am ehesten wird ein Reiz-Reaktions-Modell akzeptiert, in dem Stressauslöser und Stressfolgen angegeben werden. Nach diesem Modell, das auf den Arbeiten von SELYE basiert, wird Stress als eine Folge von schädlichen physikalischen, psychischen und sozialen Einflüssen aufgefasst, welche ein weitgehend stereotypes Reaktionsmuster bei den Betroffenen auslösen, wobei die Reaktionsabläufe die Auswirkungen dieser störenden Einflüsse zu kompensieren versuchen. Stressoren, wie sie auch immer geartet sein mögen, führen zu einem annähernd konstanten Reaktionsmuster des Gesamtorganismus, das als allgemeines Adaptionssyndrom bezeichnet wird. Eine langfristige und häufige Einwirkung von Stressoren soll das Adaptionssyndrom besonders ausgiebig in Gang bringen. Dabei soll ein ausgeprägter Energieaufwand erforderlich sein, der bei dauernder Einwirkung zu chronischen Erkrankungen führen kann. Das das Nervensystem von Migränepatienten genetisch bedingt permanent einen hohen Energieverbrauch hat, kann unter Stress eine Dekompensation auftreten, eine Attacke ausgelöst werden.
Die zunächst in der experimentellen Forschung eingesetzten Stressoren, wie z.B. Kälte, Hitze, Adrenalin, erhöhte Muskelarbeit oder emotionale Erregung, wurden in der weiteren Forschung von komplexen Stressoren abgelöst, deren Wirkungen auf den Organismus untersucht wurden. Dabei wurden insbesondere kritische Lebensereignisse und komplexe belastende Situationen analysiert. Diese Untersuchungen konnten belegen, dass es Zusammenhänge zu banalen Erkrankungen, z.B. Erkältungen oder fieberhaften Infekten, geben kann. Jedoch bestehen auch Interferenzen mit gravierenden Erkrankungen, wie z.B. Herzerkrankungen, leukämischen Störungen, verschiedenen Formen der Depressionen bis hin zu schizophrenen Schüben. Grund dafür ist, dass kritische Lebensereignisse nachhaltige Effekte auf den Organismus und auf die organischen Regulationsvorgänge ausüben und damit zum Ausbrechen von Erkrankungen führen können. Plötzlich auftretende Lebensveränderungen stehen dabei im Vordergrund.
Der sogenannte vegetative Dreitakt der Stressreaktion besteht aus
- der Vorphase,
- der Alarmphase und
- der Erholungsphase.
Normalerweise besteht eine vegetative Normallage im Bereich des Organismus; der Sympathikotonus und der Parasympathikotonus stehen im Gleichgewicht. Entsprechend ist eine ausgewogene Regulationsfähigkeit im Bereich des vegetativen Nervensystems möglich. Bei Einwirkung eines Stressreizes kommt es zunächst in der Vorphase zu einem leichten Überwiegen des Parasympathikotonus. In der Alarmphase überwiegt dann der Sympathikotonus und klingt dann nach Adaption an den Stressreiz wieder auf die vegetative Normallage ab. Während der Erholungsphase ist ein leichtes Überwiegen des Parasympathikotonus zu verzeichnen. Bei stärkeren oder gehäuften Stressoreinwirkungen kommt es zu einer Verkürzung der Erholungsphase bis hin zum Fehlen. Die Folge ist, dass eine dauerhafte Alarmphase besteht und das Normalniveau des vegetativen Ausgleichs nicht mehr erreicht wird, woraus schließlich eine Dekompensation des vegetativen Tonus resultiert. Das Endergebnis besteht in einer dauerhaften Dysregulation mit Erhöhung des Sympathikotonus und damit einer permanenten Fehlregulation der vegetativen Funktionen.
Stresserfahrungen dürfen allerdings nicht allein als negative Auswirkungen auf den Organismus und als negative psychische Erlebnisse aufgefaßt werden. Im täglichen Leben gibt es eine Reihe verschiedenster Stresserfahrungen, die nicht in die Skala integriert werden können. Dies kann zum Beispiel das Klingeln eines Telefons im unerwarteten Augenblick sein, oder aber ständig veränderte Lichtverhältnisse oder die berühmte Fliege an der Wand. Diese alltäglichen kleinen Stressoren können sich erst in der Summe zu bedeutsamen Faktoren entwickeln.
Darüber hinaus sind positive Erlebnisse im Alltag sehr wichtig, um solche geringfügigen Stresserfahrungen zu kompensieren. So können positive Erlebnisse kleine Stressoren, die sich sonst addieren, wieder aufwiegen. Dies kann eine gute Nachricht sein, ein Blumenstrauß oder einfach die Erfahrung, gut ausgeschlafen zu haben. Unter Berücksichtigung dieser multiplen Faktoren sind globale Stressoren, die aus gemittelten Daten stammen, mit Vorsicht zu bewerten.
Möglicherweise sind diese Kompensationsvorgänge auch der Grund, warum die Stressforschung im therapeutischen Alltag weitgehend ohne Konsequenz geblieben ist. Das eindimensionale Mittelwertdenken aufgrund statistischer Daten kann die komplexe Lebensvielfalt nicht widerspiegeln oder modifizieren helfen. Zudem ist es therapeutisch schwer möglich, die Häßlichkeiten und die Annehmlichkeiten des Alltags aus der Sprechstunde heraus zu verändern. Dazu kommt, dass die Bewertung der verschiedenen Situationen durch die verschiedensten Menschen ganz unterschiedlich ablaufen kann. Was der eine als Stress auffasst, ist für den anderen angenehme Abwechslung. Während der eine eine bestimmte Radiomusik gerne hört, wird der andere durch die gleichen physikalischen Wellen genervt.
Aus diesen Befunden ist abzuleiten, dass Stress sich nur verstehen lässt, wenn man die Bewertung des Individuums und die Veränderungen in der Welt aufeinander bezieht. Die Stressoren an sich sind völlig neutral, erst die Bewertungen durch den Betroffenen bewirken, dass ein Reiz zum Stressor wird.
Neben der eigentlichen Stresssituation und deren Bewertung ist jedoch auch die Fähigkeit des Individuums zu berücksichtigen, auf die Stresshafte Situation einzuwirken, mögliche Verhaltensstrategien zu entwickeln und zu praktizieren, um möglicherweise eine Situation erst gar nicht zu einer Stresspotenz gelangen zu lassen (Coping-Fähigkeiten). Zu diesen Verhaltensreaktionen gehören praktische Verhaltensmaßnahmen wie auch die kognitive Verarbeitung der Gedanken und Einstellungen zum Stressfaktor.